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Johann Adam Quintus und seine Nachkommen
Ein Irrlicht der Quintus-Familien beginnt nach Jahrzehnten allmählich feste Gestalt anzunehmen. Johann Quintus geisterte durch die Bücher und Verzeichnisse, ohne wirklich fassbar zu werden. Das erste Mal begegnete er mir, als ich das Apatiner Heimatbuch von Josef Volkmar Senz im Jahre 1966 in die Hände bekam. Natürlich begann ich sofort zu suchen, woher wohl die Apatiner Quintus kämen. Senz hat in sein Buch eine Liste aufgenommen, die von Friedrich Lotz stammte. Dort las ich: „Johann Quintus aus dem Trierischen 1770.“ Das war er also, der erste Apatiner Quintus, mein Vorfahre, der Vorfahre aller Apatiner Quintus – so naiv dachte ich seinerzeit.
Diese Liste, der ich, unerfahren wie ich war, völlig vertraute, ist allerdings in vielfältiger Weise mehr als fragwürdig, in einigen Fällen sogar komplett falsch. Friedrich Lotz hatte sich seine „wissenschaftliche Arbeit“ manchmal recht einfach gemacht: er nahm Apatiner Namen, verglich sie mit den „Quellen“ von Wilhelm/Kallbrunner und ernannte munter einige Einwanderer zu Apatiner Erstsiedlern. Das geschah manchmal sträflich willkürlich. So ist auch die Zuordnung von Johann Quintus zu Apatin vollkommen falsch.
Weil Apatin lange Jahre der Brückenkopf, die Ankunfts- und Verteilerstation der Batschkaer Neusiedler war, tauchen manche Namen hier zum ersten Mal in der neuen Heimat auf, ohne dass es sich dabei um künftige Apatiner handeln musste. Vielmehr waren die meisten echte „Durchreisende“, die sich nur kurz in Apatin aufhielten. Möglicherweise gibt das neue Buch von Jakob Schuy, das sich besonders den ersten Jahren Apatins widmen wird, Auskunft darüber, ob sich Johann Quintus überhaupt, womöglich nur wenige Tage in Apatin aufhielt.
Bei all meinen Suchen und Recherchen fand ich weder Johann noch seine Nachkommen (oder habe sie nicht als solche erkannt) und so wurde er für mich zu einem echten Phantom. Durch die entscheidenden Hinweise von Paul Scherer fand ich meine und die Vorfahren der meisten Quintus-Familien: Paul Quintus und Jakob Quintus, die in Weprowatz siedelten und deren Nachkommen sich in der gesamten Batschka und darüber hinaus verbreiteten. Johann Quintus jedoch fand ich nicht. Weder in den Donauschwäbischen Siedlungsgebieten noch „im Trierischen“. Inzwischen, das kann ich ohne Übertreibung sagen, besitze ich den größten Überblick über die Quintus, die im 18. JH in Kurtrier und den angrenzenden Herrschaften gelebt haben. Johann Quintus befindet sich nicht darunter.
Dabei, das lehrt mich der langjährige Umgang mit unseren Altvordern, waren die Quintus alle auf irgendeine Weise verwandt oder verschwägert. Alle waren Vaganten, „Waldleute“, Tagelöhner oder Hausierer. Sie werden sich gekannt haben, sind sich begegnet und haben sich sicherlich gegenseitig über alles Wichtige informiert.
Johann Quintus wanderte 1770 aus, Paul und Jakob zogen 1786 nach Ungarn. Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, dass da ein Zusammenhang besteht. Gefunden habe ich ihn bisher nicht.
Mit dem Briefe schreiben und dem Lesen war es seinerzeit nicht weit her, besonders nicht unter Bauern und Hirten. Aber Nachrichten haben ihre eigenen Gesetze. Mitteilungen sind zielgenau gewandert, oftmals mit erstaunlicher Präzision und häufig über große Entfernungen. Haben Paul und Jakob von den Erfolgen Ihres Verwandten (das er das ist, vermute ich) erfahren? Hat das den Ausschlag für die Träume von dem neuen Leben in der Fremde gegeben? Anlass für den Wegzug war sicherlich das große Viehsterben im Hunsrück des Jahres 1785. Aber die Lösung ihrer Probleme, der Traum von einem neuen Leben muss wohl schon da gewesen sein ...
Wie dem auch sei, Johann war und blieb verschwunden. Jedenfalls bis ich sein Spur Oktober 2002 in einem Familienbuch des Banater Ortes Alexandria (Alexanderhausen) fand – und (zunächst) nicht erkannte. Dort nämlich taucht ein Adam Quintus auf, der weder zeitlich noch räumlich zu meinen bekannten Quintus passte. Ein Adam aus dem 18. Jahrhundert gehörte nicht ins Banat, es sei denn es war einer der beiden Söhne des Paul Quintus, die irgendwie schnell aus Weprowatz verschwanden – wenn es überhaupt einen überlebenden Bruder des Mathias aus Kernei gab. Kurz: Adam Quintus war nicht einfach einzuordnen.
Das war erst möglich, als ich dem Hinweis auf die Herkunft des Adam aus Nakodorf (Nakovo, Nákófalva, Sellesch) nachging. In dem erst 2002 veröffentlichten Familienbuch von Sellesch findet sich die Lösung:
Quintus Johann Adam rk. Bauer halbe Session, geboren 1766 (errechnet) in Kurtrier gestorben 24.11.1831 in Sellesch, Kirchenbuch 2/112/2
Weiter ist dem Familienbuch zu entnehmen, daß Johann Adam Quintus zu den Unterzeichnern (als Nr. 21) des Vertrages von 1792 mit der Grundherrschaft von Nakovo gehört.
Das Familienbuch erzählt über die Gründung dieses Ortes:
1781 erwarben die Brüder Christoph und Cyrill Naco das Gut Marienfeld, zu dem auch das Prädium (Pussta) Szöllös gehörte. Im Jahre 1784 wurden zur Besiedlung evan.-luth. Ungarn von Oroshaza (Bekeser Komitat) berufen. Es kamen slowakische Familien hinzu. Schon nach kurzer Zeit wanderten diese wieder ab. An ihre Stelle wurden 1790 deutsche Siedler aus den benachbarten ehemaligen Kameraldörfern gerufen. Sie schlossen mit der Grundherrschaft einen Vertrag (Contract) und wurden so zu Kontraktualbauern auf dem herrschaftlichen Gut. Die Zahl der Häuser (und die Ansässigkeiten) wurde bis zum Jahre 1793 auf insgesamt 209 erweitert.
Johann Adam kam im Jahre 1791 aus der Kameralgemeinde Gottlob, dort hat er geheiratet und dort sind auch seine beiden ersten Kinder geboren. Man kann davon ausgehen, dass er von 1772 bis 1791 in Gottlob gelebt hat und wegzog, als Kaiser Leopold II den Kameralort an Anton von Lipthay verschenkte. Möglicherweise waren neben wirtschaftlichen Gründen auch der Wille zur Freiheit das entscheidende Motiv.
Über die Entstehung von Gottlob wird auf der website der Banater Schwaben (www.banaterheide.de) vermerkt:
Mitte März 1772 waren die ersten Anstalten zur Anlegung von Gottlob getroffen. Der kaiserliche Hauptmann Anton Edler von Triebswetter steckte Ort und Gemarkung der Heidegemeinde aus. Die Arbeiten wurden unter Aufsicht des Administrationsrates Johann Wilhelm Edler von Hildebrand ausgeführt. Die 204 Siedlerfamilien, die zur Zeit der spättheresianischen Siedlungsperiode ankamen, waren größtenteils 1770/71 in Wien bereits registriert und mussten für längere Zeit in bereits bestehenden Orte einquartiert bleiben. Gottlob war von 1772 bis 1791 Kameralgut. Am 04.04.1791 schenkte Kaiser Leopold II. das Gut (Gottlob und Lovrin) dem k.k. Offizier Anton von Lipthay.
Man sieht im Großen und Ganzen ist vieles stimmig. Johann Adam Quintus aus Kurtrier wandert 1770 nach Ungarn aus, wird in Wien am 19. August registriert und siedelt vielleicht nach einem kurzen Aufenthalt in Apatin, in Gottlob im Banat. Das geschätzte Geburtsjahr allerdings passt überhaupt nicht. Möglicherweise geben die sog. „Schlafkreuzerlisten“ des Banat Auskunft über seine Herkunft und den Verbleib bis 1772. Er verlässt Gottlob 1791 um weiterhin freier Bauer (in Nakodorf) zu bleiben.
Wenn das bisher richtig ist, wofür einiges spricht, fehlen doch noch einige Personen, denn Johann Quintus ist 1770 mit Frau und zwei Söhnen ausgewandert. Wo bleiben also die Söhne? Sind sie vielleicht bereits in den ersten Jahren in der neuen Heimat gestorben wie so viele? Oder finden wir sie wenn weitere Familienbücher aus dem Banat veröffentlicht werden als wohlbestallte Bauern in anderen Ortschaften? Wann und wo ist seine erste Frau, mit der er in Wien registriert wurde, gestorben? Gibt es aus dieser Ehe weitere Kinder? In jener Zeit wäre es sehr ungewöhnlich wenn über lange Jahre keine Kinder geboren werden.
Die Heirat im Jahre 1787 lässt vermuten, dass die erste Frau des Johann Adam nicht lange vorher, wahrscheinlich in Gottlob gestorben ist. Ein Bauer konnte damals nicht unverheiratet bleiben; Liebesheiraten waren ohnehin nicht üblich.
Viele Informationen müssen noch gefunden werden, manches gilt es zu erforschen. Beginnen will ich mit dem bisher gefundenen.
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