Bemerkungen zu Familiennamen
Die antiken Quintus in Rom
Das Leben von Paul und Jakob
Kirchenbücher

Eine der häufigsten persönlichen Fragen, die mir bei ersten Begegnungen mit fremden Gesprächspartnern gestellt werden, sind Fragen im Zusammenhang mit meinem Familiennamen. Ein netter unverbindlicher Beginn der Konversation, ein "worm up", wie man neuerdings die auflockernden Gesprächsanfänge nennt, der Interesse am anderen signalisiert, aber auch gleichzeitig die Chance bietet, eigene Bildung und Informiertheit anzudeuten ("das ist doch ein lateinischer Name, nicht wahr ..." - was man spätestens nach Besuch des Films "Der Gladiator" weiß).

"Ganz richtig!" antworte ich stets, "Ein römischer Vorname ist es! Er bedeutet: der Fünfte! Die Römer waren halt ein phantasielose Beamtenvolk. Nach vier Kindern fiel Ihnen kein Name mehr ein, da haben sie von da an ihre Kinder ganz einfach durchgezählt." Die Antwort hat den Vorteil dass sie genügend richtige Informationen enthält um den Gesprächspartner zufrieden zu stellen und mir ganz nebenbei die üblichen Beamtenwitze (die ich sowieso bereits alle seit Jahrzehnten kenne) erspart.

Also: Es ist tatsächlich ein während des gesamten römischen Kaiserreiches sehr verbreitet gewesener männlicher Vorname. Gebildet aus der Ordnungszahl (Ordinalzahl) von "fünf", also "der Fünfte". Und richtig ist auch, dass die Römer über wenig Vornamen verfügten und tatsächlich Ordinalzahlen als Vornamen vergaben, wobei „Quintus“ der häufigste war. Der Sohn Quintus war entweder das 5. Kind der Familie oder wurde im 5. Monat *) (Quintilis, später Iulius) geboren. Offensichtlich empfanden die Römer die phantasielose Benennung aber nicht als Makel, denn die römischen „Quintus“ begegnen uns auf zahllosen Denkmälern überall in ihrem ehemaligen Herrschaftsgebiet.

Über die Entstehung und Verwendung des Familiennamens Quintus im deutschsprachigen Raum ist nichts bekannt. Im 18. Jahrhundert kommt er häufiger im Hunsrück und im Saarland vor. Möglich ist daher (aus meiner Sicht) die Ableitung vom Ortsnamen "Quint" (heute Ortsteil von Trier, am fünften Meilenstein der alten Römerstraße nach Koblenz gelegen), als die "Leute, die aus Quint kommen". Das ist aber nur eine Hypothese und alles andere als sicher, denn auch in den Niederlanden, genauer in der Provinz Groningen, war er seinerzeit recht verbreitet. Gleichzeitig finden wir an Rhein, Mosel, Saar und Ruwer weitere Ableitungen und Varianten, wie z.B. Quintes, Quinten und Quint. Manch einer wurde als Quinten geboren, als Quintes verheiratet und als Quintus beerdigt. Standesämter, die für ihre Genauigkeit Maßstäbe gesetzt haben, gab es ja noch nicht und die Pfarrer schrieben nach Gehör, Lust und Laune. Es ging ihnen weder um Präzision noch um urkundliche Treue, sondern ausschließlich um die Überwachung des Pfarrvolkes zur Durchsetzung der göttlichen Gebote.

Die ersten Quint/us/en/es treten in den genannten Räumen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf und zwar als Vaganten der verschiedensten Schattierungen: Bettler, Waldleute, Hausierer. Eine genealogische Arbeit von Hans-Peter Klauck **) aus dem Saarland hat das Phänomen der Vaganten dieser Zeit in den Mittelgebirgen sehr gut beschrieben und die Wanderbewegungen dieser Leute erforscht. Wichtig für uns ist, dass die Quintus niemals als Bettler sondern fast immer als Hirten (z.B. „custodis porcorum“ = Schweinehirt oder „vaccarum Pastorum“ = Kuhhirt) registriert wurden.

Eine weitere Möglichkeit der Entstehung von Quintus als Familienname wäre eine Benennung in der Renaissance, also ab etwa 1.500 n.Chr., als Gelehrte, Lehrer, Apotheker, überhaupt "Intellektuelle" sich mit lateinischen und griechischen Namen zu schmücken begannen. Bekannte Personen mit lateinischen bzw. lateinisierten „Künstlernamen“ sind etwa Paracelsus (Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim (das war ja wirklich schwer zu merken) oder Nikolaus Kopernicus, der eigentlich Mikolaj Koppernigk hieß. Ein Beispiel aus meiner gegenwärtigen Heimatstadt Grevenbroich wäre der Schriftsteller und Notar Montanus ("der Berger" - weil er aus Leverkusen, also dem Bergischen Land, stammt), dessen richtigen Namen Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio hier aber niemand kennt.

So weit - so gut! Aber unser Quintus-Vorfahren waren, wie wir gesehen haben, eben keine Intellektuellen, sondern, soweit wir bisher wissen, einfache Hirten. Und die hatten weder genug Bildung noch Anlass sich einen lateinischen Namen zuzulegen. Oder der Name ist bedeutend älter und viel länger in Gebrauch und seine (wenigen) Träger sind während des 30-jährigen Krieges - wie so viele - verarmt und ihrer Heimat beraubt worden, so dass sie nirgendwo Bürgerrechte genießen konnten (und folglich Vaganten waren). Woher also stammt unser Name, wer waren die Leute, die ihn zuerst trugen, wo kommen sie her – kurz: was kann uns der Name den wir tragen von unseren Vorfahren erzählen?

Fragen ohne Antworten. Oder die Antworten warten noch auf ihre Entdeckung.

Lassen wir es deshalb vorerst dabei: Quintus ist ein seltener und schöner, ein besonderer Name, den wir gerne tragen!

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*) Im römischen Kalender war der Juli ursprünglich der fünfte Monat und hatte vor seiner Umbenennung im Jahre 44 v.Chr. den Namen Quintilis. Im Jahr 153 v.Chr. wurde der Jahresbeginn um zwei Monate vorverlegt. Die Namens- und Zählbeziehung entfiel, der Personenname jedoch blieb und war weiterhin beliebt.

**) Hans-Peter Klauck: Waldarbeiterfamilien im Raum Saar - Hunsrück vor 1800, Beiträge zur Familien- und Sozialgeschichte einer nichtseßhaften Bevölkerungsgruppe, Saarbrücken 1997.



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