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Eine Sinnfrage, die sich eigentlich bei fast allen Liebhabereien und Leidenschaften (Hobbys) nicht stellen dürfte. Das Spannende an der Familien- und Herkunftsforschung habe ich schon auf der Startseite genannt. Aber dennoch: genau die Frage: "warum machen sie das eigentlich, was nützt ihnen das?" begegnet mir immer wieder. Oft wird sie neugierig, meist jedoch etwas verständnislos-provokant gestellt. "Was kümmern mich die Ahnen, wer sind die überhaupt und was kann mir das Wissen um Ihre Namen und Daten bei meinen Problemen hier und jetzt schon helfen?" wird mir oft entgegen gehalten.
Darauf fallen mir dann Antworten ein, wie zum Beispiel: "Ich erkenne, wie viele Menschen gelebt haben müssen, damit es mich überhaupt gibt, und diese Menschen haben alle Namen!". Allein das relativiert meine Selbsteinschätzung." Oder: "In der Schule lernen wir die Geschichte der Fürstenhäuser, der Kriege und der Staatsgründungen, aber nichts von den vielen Leuten, die das alles erdulden mussten. Durch Familienforschung lernen wir Geschichte aus der Sicht der Betroffenen, der Millionen Menschen, die keine Macht hatten und Tag für Tag um ihr überleben kämpfen mussten." Machen wir uns klar: Die Epoche als Apatin gegründet wurde, wird allgemein als Spätbarock oder als Rokoko bezeichnet. Erkennt man das in Apatin? Hat das Rokoko die vielen tausend Menschen zur Auswanderung aus dem Deutschen Reich getrieben? Die Antwort ist schlicht nein! Das was uns in der Schule als "Epoche" vorgestellt wurde, hat für weit weniger als ein Prozent der Menschen gegolten. Der Rest lebte rechtlos in Leibeigenschaft und Hunger. Und diese Menschen wurden unsere Vorfahren und sind uns deshalb wichtig.
Ich denke also, dass es gibt viele gute Gründe gibt, sich mit Familien- bzw. Ahnenforschung zu beschäftigen. Obwohl die sog. "Ahnenforschung" oder das, was die Nazis während ihrer Herrschaft darunter verstanden, nämlich den Nachweis der sogenannten "Arischen Abstammung", die Genealogie in Deutschland jahrzehntelang in Verruf gebracht hat. Inzwischen ist das Verhältnis zu diesem Forschungsgebiet, das sich als "historische Hilfswissenschaft" etabliert hat, jedoch entspannter geworden. Und viele haben erkannt, dass sie gerade durch ihre familiäre Abstammungsgeschichte einmalig und unverwechselbar sind. Das ist gerade in unseren Massengesellschaften (z.B. in den USA, wo die Genealogie boomt wie noch nie!) von Bedeutung
Für mich kommen aber noch ganz individuelle Gründe hinzu. Die Zeitschrift "Lenz" schrieb in ihrer Juliausgabe 2001 darüber:
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Hans Quintus hat seinem Familiennamen viel zu verdanken. "Er hat mir das Leben gerettet", sagt der in Süd-Ungarn geborene Deutsche. "Als Titos Partisanen durch die Dörfer zogen, hatten die 'Germanski' schlechte Karten. Aber meinen Namen hielten die für ungarisch". Schon früh war Hans Quintus von diesem seltenen Familiennamen fasziniert. Heute mit 57 Jahren forscht er noch immer.
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Das ist eine sehr verkürzte, jedoch im Kern zutreffende Wiedergabe meiner Motive, wie ich sie dem Journalisten schilderte. Meine Mutter hatte sich vor dem Einmarsch der Tito-Partisanen vorgenommen, sich nicht ins Lager wegschaffen zu lassen. Sie wollte standhaft bleiben und sich weigern das Haus zu verlassen. Sie fühlte sich völlig schuldlos und unbeteiligt. Die politische Situation, die Entwicklung der Kriegsereignisse hatte sie weder verfolgt noch verstanden.
Die russischen Truppen, die bereits Ende 1944 in Apatin gewütet hatten, zogen mit der höhnischen Drohung: "jammert nicht, diejenigen, die nach uns kommen, sind viel schlimmer!“ weiter. Sie sollten Recht behalten. Die bunt zusammengewürfelte Partisanentruppe, die mordend, schändend und plündernd hinter der Roten Armee herzog, erreichte Apatin im Winter 1944. Ihr Auftrag lautete: Besetzt die Dörfer, treibt alle Deutschen aus den Häusern und nehmt was ihr könnt. Die "Ethnische Säuberung" war ihr Auftrag. Die Batschka sollte der Wojvodina zugeschlagen und jugoslawisch, vor allem aber frei von Deutschen werden. Später würde man erklären, die deutschen Nazis hätten fluchtartig ihre Dörfer und das Land verlassen, das Serbische Volk habe einfach übernommen, was ihm ohnehin gehöre.
Ungarnstämmige wurden in dieser Phase des Krieges weitgehend geschont und so behauptete meine Mutter gegenüber den serbischen „Partisanen“ einfach wir seien keine Deutsche. Da sie einerseits sehr gut Ungarisch sprach und Quintus kein offenkundig deutscher Name war, blieb die Familie zunächst verschont. Eine kurze Überprüfung der Personalpapiere durch einen lesekundigen 18-jährigen „Partisanenführer“, der seinen Leuten bestätigte, dass alle Vornamen, aber auch „Quintus“ eindeutig ungarisch sei, bedeutete die Rettung. Das Lager hätte für mich, der ich damals in einem jämmerlichen Gesundheitszustand war, den sicheren Tod gebracht. Mit Fug und Recht kann ich deshalb sagen, dass ich mein Leben in dieser entsetzlichen Zeit der verzweifelten Entschlossenheit meiner Mutter und meinem Namen verdanke.
Aber zurück zur Ausgangsfrage: warum betreibt ein Mensch Familienforschung? Für mich gibt es noch einen zweiten, tragenden Grund: Seit ich denken kann, habe ich mich für die Vergangenheit interessiert. Das war schon immer so. Das erste Buch, das mich wirklich beeindruckt hat, war ein historischer Roman. Die Gegenwart beginnt immer in der Vergangenheit und lässt sich – wenn überhaupt – oft aus Geschehenem erklären. Wenn ich genau nachdenke, hat sich der größte Teil meines Lebens in der Vergangenheit abgespielt. Gewiss aber kann ich das von meiner Kindheit sagen.
Für meine Mutter, meine Großmutter und deren ältere Schwester, alles Frauen, die mich erzogen und geprägt haben, stand eines unumstößlich fest: Früher war alles besser! Dies hat sich mir in vielen Varianten immer wieder mitgeteilt. Und wenn ich das aus meiner Sicht von Heute betrachte, so kann ich ihnen nicht einmal ernsthaft widersprechen. Sicher ist es immer so, dass für ältere Menschen "früher alles besser war", einfach weil sie "Früher" jünger waren. Das gibt der Vergangenheit den Glanz. Für die Zeit und die Umstände meiner Kindheit liegen die Dinge allerdings anders. Die Zeit in Apatin zwischen 1944 und 1952 war für Deutsche wirklich grauenhaft. Und das galt für fast alle Lebensbereiche. Vieles davon konnte ich trotz meiner damals naiv-unkritischen Haltung - ich war ja kaum 9 Jahre alt, als ich Apatin verließ - selber fühlen. Die Verachtung durch die Serben, die Prügel, die ich einstecken musste, die ständige Furcht meiner Eltern vor der „Miliz“, das Flüstern, wenn harte Schritte auf der Strasse erklangen, die angststarren Blicke auf die Haustür ... - das alle hat mich geprägt. Es war meine Kindheit.
Es hat mich so geprägt, dass sich die Bilder, Eindrücke, vor allem aber die Gefühle unauslöschlich in mir eingebrannt haben. Ich bin Apatiner. Gleichgültig wie viel Leben ich seither gelebt habe. nach oben
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