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Fünfzig Jahre Heimweh
Viele der Donauschwaben haben in den Fünfziger Jahren, aus Gründen, die ich hier nicht einzeln erläutern möchte, schweren Herzens ihre Heimat verlassen. Sie haben zum Teil ihre Lieben, ihr Hab und Gut zurück gelassen in der Hoffnung, in der Fremde neue Freunde, Liebe, Glück und Zufriedenheit zu finden.
Vor allem aber eine neue Heimat war ihr sehnlichster Wunsch. Hinter ihnen lag eine schwere Zeit, vor ihnen eine ungewisse Zukunft. Der Krieg hat viele Familien getrennt, den Menschen alles genommen, was ihnen lieb und teuer war. Viele Apatiner Landsleute haben damals das schöne Städtchen mit dem dörflichen Herzen, welches die Donau mit einem großen Netz von Wasserarmen umgibt, verlassen. Kanäle mit den schönsten Wasserrosen, Moore, Wiesen und Felder, Wälder blau von Vergissmeinnicht. Es war eine Landschaft zum Dableiben schön.
Auch meine lieben Eltern mit meinem Bruder und mir, meine Großeltern mit meiner Tante und ihrem Sohn Robert haben im Dezember 1955 den Weg in eine ungewisse Zukunft angetreten.
Tiefer Nebel bedeckte an diesem Tag unser geliebtes Apatin. Traurig und leer war es in unserem Haus und jeder war mit seinen Gedanken und Gefühlen allein. Die Zeit war gekommen, die Heimat wohl für immer zu verlassen. Schweren Herzens und mit gesenkten Häuptern, die schweren Koffer in den Händen, begaben wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Immer wieder gab es Umarmungen und Tränen. Ein scharfer Pfiff des Schaffners forderte zum Einsteigen auf. Mit donnerndem Knarren und Rattern entfernte sich der Zug immer schneller von der geliebten Heimat. Freunde und Nachbarn blieben traurig am Bahnhof zurück. Wird man sich jemals wieder sehen?
Vier Tage vor Weihnachten trafen wir in Piding, Oberbayern, ein und kamen aus dem Staunen so schnell nicht wieder heraus. Der Weihnachtsmarkt war aufgebaut. Vor uns Berge von Äpfeln, Apfelsinen, Mandarinen, Feigen, Datteln, Spielzeug, wunderschön geschmückte Weihnachtsbäume und vieles mehr. Überall erklang herrliche Weihnachtsmusik. Es war wie im Traum.
Wir durchwanderten mehrere Flüchtlingslager bis wir in Hamburg ein neues Zuhause fanden. Hier trafen wir auch liebe Verwandte, Freunde und Bekannte wieder. Die Freude war riesengroß! Man traf sich immer wieder zu verschiedenen Anlässen wie Versammlungen, Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Kaffeeklatsch und auch auf Beerdigungen. Die Freundschaftrn hielten bis heute, fünfzig Jahre danach. Einen Grund mal wieder zusammen zu kommen und über alte Zeiten zu plaudern findet sich immer. Dann tauchen immer wieder die Gedanken und Gefühle an alle Lieben, die nicht mehr unter uns weilen, auf. Gefühle wie Sehnsucht, Heimweh und einiges mehr. Es gibt jedoch auch schöne Erinnerungen.
Ich meine, es ist einfach der Ort des Geborenseins, den man Heimat nennt.
Die Sehnsucht sitzt wie ein Bleikristall tief im Herzen und ich finde, je älter wir werden, um so öfter versinken wir in der Erinnerung an unser schönes Städtchen Apatin. Und dann summen wir auch in der neuen Heimat leise vor uns hin, mit Wehmut im Herzen, die alte Heimatmelodie.
Erst wenn du in der Fremde bist, weißt du wie schön doch die Heimat ist.
Hamburg, im Dezember 2005 Brigitte Schwob früher Apatin, Kalvariengasse lebt heute in Hamburg; Ehename: Grabow
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